Startup-Anwalt: „Eine Insolvenz ist wie eine Krankheit – meist heilbar“

Startup-Anwalt: „Eine Insolvenz ist wie eine Krankheit – meist heilbar“

Die Insolvenzantragspflicht wurde wegen der Corona-Krise vorerst ausgesetzt. Trotzdem könnte es in der Startup-Szene noch zu einer Pleitewelle kommen.

Dieser Artikel erschien zuerst am 29. April 2020 und hat besonders viele Leserinnen und Leser interessiert:

Die Zahlen sind alarmierend: 80 Prozent von rund 1.000 befragten Jungunternehmen sehen sich laut einer Umfrage des Startup-Verbandes in ihrer Existenz bedroht. „Das Ökosystem steht angesichts der Corona-Krise vor einem massiven Startup-Sterben“, warnte Verbandspräsident Christian Miele. „Wenn wir nicht schnell und substantiell handeln“, so Miele, „dann werden die ersten Startups schon in wenigen Wochen in die Knie gehen.“

Bislang scheint die befürchtete Pleitewelle jedoch auszubleiben. Neben dem Berliner Kindermode-Versender Tausendkind meldeten nur wenige Startups Insolvenz an. Wie ist das zu erklären? Und was hilft im Notfall?


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Gründerszene hat mit Friedemann Schade gesprochen, Fachanwalt für Insolvenzrecht der Berliner Kanzlei BRL Boege Rohde Luebbehuesen. Schade betreute bereits viele insolvente Startups, darunter die millionenschwere Games-Schmiede Treasurehunt und das einst gehypte Berliner Möbel-Startup 99chairs.

Herr Schade, wegen der Coronakrise fürchten viele Startups um ihre Existenz. Gute Zeiten für Sie, oder? 

Das denkt man gemeinhin, in Wirklichkeit ist das nicht der Fall.

Das überrascht. 

Viele sehen in Insolvenzverwaltern noch immer die üblen Abwickler mit Schlapphut und finsterem Blick, die sich in Krisenzeiten die Hände reiben. Das ist aber ein völlig veraltetes Berufsfeld, das es so heute nicht mehr gibt. Im Gegenteil: Wir kommen normalerweise zum Zuge, wenn es darum geht, ein kriselndes Unternehmen zu sanieren und wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Das ist in Zeiten stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse natürlich leichter.

Fachanwalt für Insolvenzrecht: Friedemann Schade.

Fachanwalt für Insolvenzrecht: Friedemann Schade.

Sie haben also nicht mehr Aufträge als sonst?

Momentan erhalten wir sicher mehr Anrufe. Einen Run auf Insolvenz- und Sanierungsverfahren stellen wir aber noch nicht fest.

Wie erklären Sie sich das?

Die Bundesregierung hat einige Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht, die vielen Unternehmen eine Atempause verschaffen. Neben dem bewährten Kurzarbeitergeld wurden Mittel bereitgestellt, die Investoren und kleine Gründerteams für Brückenfinanzierungen abrufen können. Und noch wichtiger: Seit Ende März ist die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Gründer haben nun bis Ende September Zeit, einen Insolvenzantrag zu stellen, wenn sie im Zusammenhang mit Corona zahlungsunfähig werden. Ohne diese Regelung hätten wir verheerende Verhältnisse.

Warum?

Weil Gründer sonst unter Androhung von Strafe innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen müssten, egal, ob ihre Zahlungsunfähigkeit wegen Corona unverschuldet ist oder sie womöglich bald Fördermittel oder eine Brückenfinanzierung erhalten. Das wäre zutiefst ungerecht.

Aber wird die befürchtete Pleitewelle so nicht bloß auf Herbst verschoben?

Ja, das könnte ein Effekt sein. Zumal ja auch noch nicht klar ist, ob sich die Unternehmen bis dahin überhaupt wieder stabilisieren. Das hängt vom weiteren Verlauf des wirtschaftlichen Lockdowns ab und von der Frage, inwiefern der Staat mit weiteren Finanzhilfen einspringt. Bei Startups kommt erschwerend hinzu, dass viele Investoren derzeit vor wichtigen Finanzierungen zurückschrecken. Neugründungen sind also doppelt bedroht. Allerdings wurde auch schon darüber diskutiert, die Insolvenzantragspflicht sogar bis ins Jahr 2021 auszusetzen.

Wenn ein Gründer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, nützt eine großzügig ausgesetzte Insolvenzantragspflicht wenig.

Sehr wohl nützt sie was! Sie gibt Gründern länger Zeit, sich mit ihren Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Wenn Startups beispielsweise viel Miete für ein Büro zahlen, können sie mit dem Vermieter in Ruhe über Stundungsvereinbarungen reden. Zwischenfinanzierungen nicht zu vergessen: Wenn noch nicht alle Mittel ausgeschöpft sind, können junge Unternehmen die Zeit nutzen, um sich mit einem Investor zu einigen. So mancher Geldgeber wünscht sich in der derzeitigen Lage einfach nur zwei Monate länger Bedenkzeit – das kann am Ende den entscheidenden Unterschied machen.

Die Erlaubnis, noch keinen Insolvenzantrag zu stellen, hat derzeit aber nicht jeder.

Richtig, man muss dafür zwei Bedingungen erfüllen.

Und welche?

Erstens muss eine gute Aussicht bestehen, dass sich die Zahlungsunfähigkeit beheben lässt. Das ist in erster Linie der Fall, wenn das Unternehmen Anspruch auf die jetzigen Zuschüsse und Fördermittel hat, darüber aber noch nicht abschließend entschieden wurde. Das kann aber auch der Fall sein, wenn ein Investor bereit steht, dessen Entscheidung allerdings noch nicht abgeschlossen ist. Zweitens: Die Unternehmenskrise muss durch die Corona-Pandemie zustande gekommen sein.

Das dürfte schwer zu beweisen sein.

Da habe ich für jeden Gründer eine gute Nachricht: Das müssen sie gar nicht.

Das müssen Sie erklären.

Wenn eine Firma im vergangenen Jahr – also zum 31.12.2019 – nicht zahlungsunfähig gewesen ist, etwa, weil noch genügend Risikokapital vorhanden war, geht das Insolvenzgericht automatisch davon aus, dass sie die Bedingungen für das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht erfüllt. Muss nach der Corona-Krise dann trotzdem ein Insolvenzantrag gestellt werden, müsste der Insolvenzverwalter beweisen, das Unternehmen schon vor der Corona-Krise insolvent war.

Angenommen, es führt kein doch Weg an der Insolvenz vorbei: Was sollten Gründer zuerst tun?

Bild: Getty Images

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